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BILDBETRACHTUNG VI

02 bildbetrachtung

Aus der Serie «Linien» © Marann Schneider-Schnyder, Egg-Einsiedeln

Altes Holz, rostiger Draht, fleckiges Mauerwerk. Das ganze Bild wird von einem Muster überzogen, wie es alte Bilder zeigen, deren Firnis rissig wurde. Und trotzdem ist noch alles sichtbar, was einst sich ordentlich zusammenfügte. Die Ordnung hat sich in der Zeit verloren, das rostige Geflecht ist locker geworden, sein Muster wurde wirr verzogen. Der Blick fällt in einen weitgehend offenen, aber trotzdem abgedunkelten Raum, begrenzt von Mauern, Rundbalken, Gitter und Latten. Zwischen den ungleichen Brettern zeigt sich im Hintergrund das saftige Grün der freien Natur. Ein Zweckraum, dessen einziger und schönster Schmuck sein Zweck war. Vermutlich diente er als Stall, als sicherer Verschlag, als schützende Unterkunft für Vieh. Hier lebten wohl Ziegen oder Schafe, ein Esel, vielleicht auch ein paar Hühner. Sie sind nicht mehr da, und sie werden sicher nicht mehr kommen. Der Stall hat ausgedient. Er erzählt mir noch von sich und seinen Zeiten und wartet geduldig auf sein Ende.

 

BILDBETRACHTUNG V

02 bildbetrachtung

Aus der Serie «Stadtlandschaften» © Mirjam Landolt, Küssnacht

Ein Grüngewirr in allen Tönen: Blätter, Wedel, Stiele, Stämme. Aber dieser Urwald ist keiner. Zwischen den saftigen Pflanzen finden sich beschriftete Steckschilder. Mitten im Bild ragt ein imposant gebogenes Lüftungsrohr aus einem Schachtsockel. Daneben drei dünnere Röhren. Einzelne Pflanzen sind an stützende Stöcke gebunden, einer davon gibt sich unauffällig grün. Angst vor Schlangen ist nicht nötig. Wir stehen in einer Installation mit pädagogischem Auftrag, in einem von Menschenhand inszenierten Urwald, der hier nicht wachsen würde und auch nicht wachsen könnte, wenn wir ihm nicht mit allem Nötigen unter die Äste greifen würden. Nur dank eines perfekten Systems von Sensoren, Regulatoren, Lüftungs-und Leitungsrohren, dank optimierter Belichtung und idealer Temperatur gedeiht hier ein transplantiertes Konstrukt. Es will uns jene freie Natur näher bringen, welche hier spontan nicht (mehr) vorkommen kann. Das Ausmass des dazu nötigen technischen Aufwands ist proportional zur Distanz, welche uns vom Urwald trennt.

 

BILDBETRACHTUNG IV

02 bildbetrachtung

© fotosz.ch

Den Hintergrund bestimmt die Waagrechte: eine Stufe, eine Rille, eine Kerbe, ein weicher Rand. Ein grosses Denkmal, an dessen steinernen Sockelwänden aus schmalen Rinnen spiegelnde Wasserflächen sprudeln. Die Sonne scheint, es wird trocken bleiben. Der Platz vor dem plätschernden Monument gehört ihr nicht. Aber jetzt, wo die nicht mehr junge Frau mit ihrer Gitarre hier auf ihrem Hocker sitzt, ist dieser Ort ihr Platz. Vielleicht sitzt sie immer da, wenn die Sonne scheint. Ihre blauschwarze, mit Papierblumen und der Che-Ikone verzierte Gitarre ist unterdessen so alt, wie die Lieder, die sie singt. Sie spielt sie alle auswendig. Das Notenbuch am Boden hilft ihr, keinen Titel zu vergessen. Neben den Tamburinen zu ihren Füssen liegt eingerollt ihr kleiner Hund. Das ist eindeutig sein Platz. Der Yorkshire-Terrier heisst vielleicht «Che». Er kennt die Melodien, die sein gut gelauntes Frauchen hier zum Besten gibt. Auf dem Rollkoffer steht der schwarze Hut für die Münzen. Die Songs aus den farbenfrohen Flowerpower-Zeiten wecken bunte Erinnerungen. Das Einst im Jetzt ist Vielen etwas Kleingeld wert.

 

BILDBETRACHTUNG III

02 bildbetrachtung

© fotosz.ch

Zuerst erscheint, was selber durchsichtig ist. Eine glatte Wasserfläche überdeckt Steine, spärliche Gräser und kleine Blattpflanzen. Der nasse Grund senkt sich seitwärts in die Tiefe und verschwindet im gespiegelten Himmelblau, aus dem eine dürre Staude ragt. Wir stehen am Uferrand eines stillen Teichs, der etwas über seinen Rand aufgestiegen scheint. Über dem Wasser schwebt ein Stück borkiger, trockener Rinde. Eine genau geführte, darüber gelegte Schnurschlaufe hält es quer auf dem grösseren, darunter liegenden Rindenstück. Ein untergegangenes Schiffchen, dessen Segel noch über Wasser steht. Jemand hat es sich ersonnen, zusammengefügt und schliesslich hoffnungsvoll auf das Wasser gelegt. Er hat es losgelassen, dem Wind anvertraut und hat ihm seine Träume mitgegeben. Die Rinde wurde nass, der offene Rumpf leckte, füllte sich mit Wasser und das Schiffchen sank auf Grund. Es wird aus dieser Lage nicht mehr fortsegeln können. Es wird bald auseinanderfallen. Aber bis dann bleibt es ein sichtbar gewordener Traum.

 

BILDBETRACHTUNG II

02 bildbetrachtung

© fotosz.ch

Das Missgeschick liegt knapp zurück. Soeben ist die Fahrradkette aus dem Zahnkranz gesprungen. Ein Fehler beim Schalten, ein Misstritt zur falschen Zeit? Zum Glück ist dabei nichts Böses passiert. Weiterfahren ist unmöglich, jetzt ist Reparatur angesagt. Zuständig dafür ist der Besitzer des Fahrrads, der sich gleich an die Arbeit macht. Sein Freund kann zwar nur ratend helfen, steht ihm aber kauernd bei. Wie muss die Kette zwischen Wechsel und Zahnkränzen eingelegt werden? Das Problem verlangt konzentriertes Verstehen. So etwa? Oder doch so? Nein, das geht nicht. Moment..., ich glaube, so geht das! Die Beiden werden demnächst die Kette einlegen, über das Tretrad einziehen, und das Velo wieder auf seine Räder stellen. Sie werden abwechselnd ihre Runden drehen, sie werden neue Kurven zirkeln und mutig über den Randstein springen. Das Vergnügen wird weitergehen. Bis die Kette wieder einmal aus den Zähnen springt. Dann wissen sie bereits, dass gelegentlich auf den Kopf gestellt werden muss, was wieder auf die Beine kommen soll. Erfahrung kommt von Fahren, aber auch von dessen Unterbrüchen.

 

BILDBETRACHTUNG I

01 bildbetrachtung

© Heidi Bubenhofer, Scuol

Von dicken Wurzeln abgestützt steht die riesige Arve im Spiel von Sonnenlicht und Schatten. Der breite Stamm verrät, dass der Baum schon uralt sein muss. Die kräftige Rinde und das frische Grün der Nadelbüschel bezeugen, dass der stumme Riese immer noch gesund und kräftig ist. Neben dem Stamm liegt ein baumstarker, dürrer Ast, der einst unter Ausriss einer grossen Wunde ausgebrochen ist. Er hat die Rinde längst verloren, sein ausgedorrtes Holz liegt frei, vom Licht gebleicht, vom Regen ausgewaschen. Nur ein Streifen eines warmen Braunorange erinnert an das ferne Leben. Da steht eine Frau, leicht vorgebeugt, mit beiden Armen abgestützt, den Kopf geneigt, den Blick zu Boden. Sie lehnt, die Fersen etwas angehoben, bewegungslos und konzentriert am dürren Ast. Ihr ganzer Körper ist bedeckt vom gleichen Graugrünbeige, vom Totholz kaum zu unterscheiden. Ein Ritual? Eine Kunst-Aktion? Für mich ein Bild der unerfüllten Sehnsucht, einmal ganz Natur zu werden, in ihr aufgehoben, mit ihr eins geworden da zu sein und da zu bleiben. Würdig wie ein alter Baum.